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"Niemand
weiß, wie der Hase läuft"
Interview mit einem Vertreter von Batasuna zum Verbot seiner Partei
Das
Verbot von Batasuna zeichnete sich seit Monaten ab. Anfang August, nach
einem ETA-Anschlag in dem spanischen Urlaubsort Santa Pola, bei dem zwei
Menschen, darunter auch ein kleines Mädchen, getötet wurden,
beschleunigte die spanische Regierung unter José Mari Aznar ihre
Anstrengungen. Am 26. August wurde ein - rechtlich nicht unumstrittenes
- auf die nächsten drei Jahre befristetes Betätigungsverbot
für die baskische Partei erlassen. Zwei Tage später stürmten
Polizeikräfte die ersten Batasuna-Büros.
Anders als 1997/98 ist nun eine enorme Zuspitzung des baskischen Konflikts
zu befürchten. Das Interview mit Joxean Etxeberria, Ex-Parlamentarier
von Batasuna im baskischen Parlament, zeigt dies deutlich. Nach dem Mord
an dem baskischen Lokalpolitiker der in Madrid regierenden Partido Popular
(PP), Miguel Angel Blanco, und der einige Monate später erfolgten
Inhaftierung der Führung von Herri Batasuna war damals im Baskenland
eine politischer Prozess in Gang gekommen, der im Pakt von Lizarra und
einem Waffenstillstand von ETA mündete - womit die zunehmende Isolierung
des Linksnationalismus aufgebrochen werden könnte.
Weil in der momentanen Berichterstattung zum Konflikt im Baskenland authentische
Positionen von Batasuna kaum veröffentlicht werden, haben wir uns
zu einem Abdruck des Interviews entschlossen, auch wenn wir mit seinen
Positionen zur baskischen Nation und Unabhängigkeit nicht übereinstimmen.
Das Interview führte ein Genosse von Avanti (Hamburg).
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Am 26. August hat der Untersuchungsrichter Baltasar Garzón
eine Suspendierung aller Aktivitäten von Batasuna angeordnet. Am
selben Tag hat das spanische Parlament beschlossen, vor dem Obersten Gerichtshof
einen Verbotsantrag gegen die Partei zu stellen. Wart ihr von diesem Doppelschlag
überrascht? Es gab ja drohende Anzeichen für ein Verbot schon
zuvor, bereits im April gingen beispielsweise Zehntausende dagegen auf
die Straße...
! Joxean Etxeberria: Durch die mit dem Doppelschlag
verbundene faktische Aufhebung der Gewaltenteilung ging das mit dem Verbot
dann doch erstaunlich flott. Mit der Beschleunigung wollte die Regierung
natürlich der sich anbahnenden öffentlichen Debatte entgehen.
Dennoch: Neu ist das alles nicht, immer wieder ist es zu verschiedenen
Repressionswellen gekommen. Es sei nur daran erinnert, dass schon einmal
die gesamte Leitung von Herri Batasuna eingeknastet wurde. Bevor dieser
Fall jedoch vor dem Europäischen Gerichtshof verhandelt werden konnte,
brach damals die Anklage von allein in sich zusammen. Den (linksnationalistischen;
Anm. ak) Jugendorganisationen wurden immer schon Betätigungsverbote
ausgesprochen und den selbst organisierten baskischen Schulen wurden sowieso
stets Steine in den Weg gelegt. Spätestens seit 1998 wurde aber -
maßgeblich durch den Untersuchungsrichter Garzón - das Konstrukt
einer Gesamt-ETA entwickelt. Dem liegt die Behauptung zu Grunde, Batasuna
sei der legale Parteiapparat der Guerilla und diene der Rekrutierung,
die Zeitung egin sei das zentrale Propaganda-Organ, die Herriko Tabernas
(Volkskneipen) dienten der Geldwäsche und einzelne Unternehmer finanzierten
das alles, also alles sei irgendwie Teil der ETA.
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Wie ist jetzt die Situation für euch nach den Schließungen
der Parteilokale? Stehen jetzt alle PlaktkleberInnen und KellnerInnen
der Herriko Tabernas mit einem Bein im Knast?
! Die Schließungen sollen Batasuna
die Arbeitsräume nehmen. Doch ist das so eine Sache. Häufig
sind nämlich die Batasuna-Büros in Räumen von Kulturvereinen
untergebracht, die nicht Batasuna, sondern den Mitgliedern dieser Vereine
gehören. Diese Strukturen sind jedoch nicht durch das Parteiverbot
betroffen. Die Situation ist also für beide Seiten unklar. Sie wollen
Batasuna treffen; da wir aber keine Kaderpartei sind, sondern ein Sammelbecken
für verschiedene soziale Bewegungen und Interessengruppen, also Teil
eines breiten sozio-kulturellen Netzwerkes sind, können sie uns in
unseren Aktivitäten gar nicht isolieren. Es ist klar, dass es Batasuna
nicht mehr gibt, das heißt aber nicht, dass sich die Aktiven aus
ihrem politischen und sozialen Alltag verabschieden würden.
Dennoch ist noch einiges zu befürchten. Ab dem 23. September erwarten
wir die Schließung von einigen Herriko Tabernas. Batasuna soll für
die entstandenen Sachschäden des "kale borroka" (spontane,
aber ritualisierte Straßenmilitanz von Jugendlichen, die sich meist
gegen Banken und Polizeifahrzeuge richtet; Anm. ak) haftbar gemacht werden.
Wir haben eine Rechnung von über 24 Mio. Euro erhalten. Geld, das
wir allerdings nicht haben. Da die Herriko Tabernas angeblich ausschließlich
unserer Finanzierung dienen, sollen jetzt diese Kneipen geschlossen bleiben,
bis ein entsprechender Einnahmeverlust erreicht ist. Das ganze Konstrukt
ist freilich nicht nur politisch, sondern auch juristisch brüchig,
weil die BesitzerInnen der Kneipen Einzelpersonen sind, nicht Batasuna.
Genauso verworren ist die Situation der politischen Vertreter: Batasuna
stellte ja Leute in den Verwaltungen und auch etliche Bürgermeister.
All diese Leute bleiben im Amt, erhalten weiter ihre Bezüge und kommunizieren
nun in einem losen "Plenum der sozialistisch-abertzalen Funktionsträger".
Allerdings dürfen sie nicht als Gruppe, sondern nur als Personen
agieren.
Man sieht, dass einerseits das Verbot gar nicht wie beabsichtigt greifen
kann, weil die politische Arbeit unabhängig von Batasuna weiterläuft
und sie auch nie einzig abhängig von Batasuna war, andererseits greift
es ganz gut, weil es tatsächlich eine enorme juristische Unklarheit
schafft. Wir befinden uns in einer absolut unklaren Situation. Im Grunde
genommen weiß niemand, auch die Gegenseite nicht, wie der Hase laufen
wird.
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Handelt es sich bei der Änderung des Parteiengesetzes um einen Angriff
speziell gegen Batasuna oder handelt es sich, wie Jaibe Mentxaka, der
Direktor der ebenfalls illegalisierten Zeitung egin sagte, um den "finalen
Schlag gegen die gesamte abertzale Linke"?
! Letzteres. Der spanische Staat hat nie
eine Antwort auf den baskischen Konflikt gefunden. Die Taktik der Assimilierung
durch das Zugeständnis einer Scheinautonomie ist gescheitert. Statt
also den Raum für eine politische Lösung aufzumachen, wird Batasuna
als Störenfried, als Gefahr für die Demokratie dargestellt.
Der Angriff gilt der Idee einer eigenständigen baskischen Nation.
Indem die Partei illegalisiert wird, die am vehementesten und authentischsten
für dieses Ziel eintritt, soll das gesamte politische und sozio-kulturelle
Projekt der abertzalen Linken ausgeschaltet werden.
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Das Verbot wird mit einer angeblichen Identität von Batasuna und
ETA begründet. Angesichts der Totalität der Repression erscheint
es politisch logisch, sich dem Distanzierungsdruck nicht zu beugen. Aber
heißt das auch, dass es tatsächlich keinerlei Kritik an einzelnen
Aktionen oder Verlautbarungen der ETA gibt?
! Diese Frage ist in solch einem Rahmen natürlich
nicht qualifiziert zu beantworten, sie führt auch vom Kern des aktuellen
Problems weg. Der bürgerliche Konsens suggeriert, ETA bedrohe die
demokratische Gemeinschaft. Dem halte ich entgegen, dass ETA eine politische
Antwort auf einen undemokratischen Zustand ist.
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In welcher Phase befindet sich denn die baskische Unabhängigkeitsbewegung?
Die Zahl der Vereine und sozialen Gruppen, die keine politische Deckungsgleichheit
besitzen, sich aber eindeutig als baskisch identifizieren, nimmt zu. Die
Identifikation mit der Heimatstadt oder der Region nimmt ab zu Gunsten
einer baskisch-nationalen Identifikation. Da baut sich stärker denn
je ein reißfestes Netz auf, in der die Forderung nach einer baskischen
Fußballnationalmannschaft oder einer genuin-baskischen Sozial- und
Wirtschaftspolitik zum Beispiel für viele nicht mehr wie ein politisch
subversiver Akt erscheint, sondern eine alltägliche Selbstverständlichkeit
darstellt.
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Welches Verständnis nationaler Souveränität liegt der
Forderung nach Unabhängigkeit zu Grunde?
! Die baskische Nation existiert bereits
seit Tausenden von Jahren, gleichwohl handelt es sich um eine Nation ohne
Staat. Wir gehen von einem universellen, unveräußerlichen Menschenrecht
aus, das nationale Selbstbestimmung einschließt.
Batasuna als Teil der abertzalen Linken wirkt an der konkreten Ausgestaltung
der nationalen Sache mit. Dennoch hat sich etwas verändert. Viele
Jahre hindurch wurde - auch von uns - eine Vorstellung transportiert,
die sich die Unabhängigkeit als Prozess nach dem "Tag der Befreiung"
vorstellt. Demgegenüber warten wir jetzt nicht mehr auf den St. Nimmerleinstag,
sondern organisieren die nationale Einheit, gestalten das baskische Dasein
bereits konkret im Hier und Jetzt. Selbstverständlich wird an so
einem Punkt der spanische Staat hellhörig, wenn sich ein eigenständiges
nationales Projekt entfaltet, welchem doch politisch die dafür notwendigen
Instrumente vorenthalten werden.
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In gara, der Nachfolgezeitung von egin, wurde als Antwort auf die Illegalisierung
zu "zivilem Ungehorsam" aufgerufen. Mein Eindruck ist, dass
sich im Moment eine starke Lähmung breit macht. Abgesehen von groß
angelegten Plakataktionen zeigt sich im Alltag sehr wenig Aufgeregtheit,
geschweige denn Aufruhr.
! Eine radikalere Antwort hat Batasuna nicht
erwartet und sie passt auch nicht in die heutigen Zeiten. Vielen ist heutzutage
ihr kleines Glück in einer Drei-Zimmer-Wohnung wichtiger als politische
Integrität. Andererseits waren bei den Räumungen der Parteibüros
viele aus der gesamten Bevölkerung solidarisch anwesend. Es ist aber
gut, dass sich der Protest sozusagen dezentralisiert hat. Es wäre
auch falsch, alle Kräfte jetzt für einige wenige Aktionen oder
Kampagnen zu bündeln. Dies hat auch das erfolgte Verbot der ersten
großen Demo am 7. September bestätigt. Aber auch hierin zeigt
sich wieder die Angst der spanischen Regierung (und des baskischen Parlamentes)
vor der Antwort auf die Repression. Es wird versucht, auf Zeit zu spielen
und die Wogen herunterzukochen. Zum Teil geschieht dies mit völlig
absurden Propagandatricks, die bürgerlich-nationalistische PNV zum
Beispiel hat behauptet, dass sich Batasuna bei den Räumungen sich
mit der baskischen Polizei (Ertzaintza) geprügelt hätte, während
der spanischen Polizei der rote Teppich ausgerollt worden sei.
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Wie ist das Verhältnis von Batasuna zu den anderen Parteien, nach
der Abstimmung über das Parteienverbot im Madrider Parlament, bei
der nur die PNV gegen den Antrag gestimmt hat, andere Nationalisten/Regionalisten
und die linke IU sich hingegen enthielten?
! Mit der konservativen PP und der sozialdemokratischen
PSOE unterhalten wir kategorisch keine Beziehungen. Mit der PNV stehen
wir weiterhin im Austausch. Allerdings verfolgt sie eine unklare Linie
und steht zur Zeit so ein bisschen vor einer Richtungsentscheidung. Einerseits
haben sie gegen das Verbot gestimmt, andererseits setzen sie es nach besten
Kräften um. Sowohl auf sie als auch auf die gemäßigt-nationalistische
Eusko Alkartasuna (EA) sowie die Izquierda Unida gehen wir offensiv zu
und fordern sie auf, sich mit uns gemeinsam für einen politischen
Lösungsprozess einzusetzen.
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Die Proteste gegen das Verbot stehen unter der Parole "Faschismus
Stop!", als Kampagnenemblem hat sich das kleine Müllmännchen
etabliert, das ein Hakenkreuz wegschmeißt. Wie definiert ihr Faschismus?
Fordert ihr ernsthaft von einem faschistischen Staat die Einhaltung rechtsstaatlicher
Grundsätze ein?
! Formal ist Spanien eine Demokratie, aber
dies ist nur gültig, solange bestimmte Fragen nicht gestellt werden.
Alle Rechtsstaatlichkeit endet abrupt bei der Forderung nach Unabhängigkeit.
In der durch nichts legitimierten Verweigerung der baskischen Unabhängigkeit
offenbart sich ungeschminkt ein totalitäres Moment. Natürlich
wollen wir keine Deckungsgleichheit der jetzigen Situation mit dem Franquismus
behaupten. Abgesehen von einigen personellen Kontinuitäten gibt es
aber unübersehbar eine politische Kontinuität im Umgang mit
dem Separatismus. Diese reicht allerdings weiter zurück als nur in
die dreißiger Jahre und ist keine Erfindung der Rechten. Der rote
Faden besteht in einer paranoiden Angst, Spaniens Einheit könne zerbrechen.
Dem Ziel der Einheit wird alles untergeordnet. Im Kampf gegen den "gefährlichen
Sezessionismus", wie Aznar ihn nennt, werden die totalitären
Tendenzen sichtbar: Der Zentralstaat nutzt zur Verteidigung seiner Macht
jedes Mittel - inklusive Todesschwadronen und Folter.
[aus:
ak - analyse & kritik
465]
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