Baskenland
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"Sie haben uns unsere Stimme geraubt"
Interview mit Maria Miguez

Bei den Regionalwahlen 1998 entfielen 17,9% der Stimmen im Baskenland auf Batasuna, eine linke, baskische Partei, die sich seit Jahren für ein Referendum einsetzt, in dem die baskische Bevölkerung selbst über ihre Zugehörigkeit zum Spanischen Staat entscheidet. Am 25.08.2002 wurde ein Verbotsverfahren gegen Batasuna eingeleitet. Ihre Jugendorganisation SEGI ist bereits verboten - so wie verschiedene baskische Menschenrechtsorganisationen, Zeitungen und eine Radiostation. Die Partei hatte es versäumt, sich explizit von den Anschlägen der ETA zu distanzieren. Verfassungsexperten halten ein Verbot, das auf einem eigens kreierten "Unterlassungs-Vergehen" beruht, für hoch problematisch. Obwohl das Verfahren noch läuft, wird das Verbot bereits in aller Härte umgesetzt. Es ist ein weiteres Beispiel dafür, wie das Argument "Kampf gegen den Terrorismus" fast überall in der westlichen Welt dazu genutzt wird, den Abbau von und Verstoß gegen Bürgerrechte zu "legitimieren".

Maria Miguez, die bereits vor zwei Jahren im Baskenland-Buch porträtiert wurde, war Mitglied der offiziell nicht mehr existierenden Partei. Wir Frauen traf Maria im Oktober im baskischen Zaldibia.

WF: Was hat sich seit dem Verbotsverfahren gegen Batasuna verändert?

Maria: Ich kann heute nur als Privatperson, als Baskin mit dir sprechen. Die Organisation, in der ich mich engagiert habe, existiert nicht mehr. Sie gilt heute als illegal und wird als terroristisch denunziert. Unser Gemeinderat in Zaldibia besteht also nur noch aus Privatpersonen, ohne Parteizugehörigkeit. Die Parteibüros wurden geschlossen, wir dürfen uns nicht mehr versammeln und nicht mehr zu Demonstrationen aufrufen. Batasuna war wichtig für die Menschen im Baskenland, sie ermöglichte ihnen, ihre Anliegen auf politischem Wege zu artikulieren. Auch und vor allem die Jugendlichen sind davon schmerzhaft betroffen. Tausende von Menschen haben ihre Stimme verloren. Dies bedeutet den totalen Zusammenbruch der linken, baskischen Bewegung, die nach einem friedlichen, politischen Weg zur Lösung des Konfliktes gesucht hat. Auf diesem Weg wurden wir jetzt weit zurückgeworfen. Wir sehen keine Perspektive im bewaffneten Kampf und wissen nicht, wie es jetzt weitergehen soll. Der Konflikt hat sich verschärft, die Spannung und die Angst sind stärker als je zuvor. Ich fühle mich wie geknebelt, meiner Stimmer beraubt.
Zugleich hat sich die Repression gegen die baskische Bevölkerung verschärft. Wir fühlen uns erinnert an die Situation in Chile nach dem Sturz Allendes. Auch dort wurde plötzlich wieder alles möglich. Die Menschen haben zu Anfang nicht glauben können, was ihnen da widerfährt, in welcher Härte die Diktatur agiert. Wer heute im Baskenland die baskische Fahne aus dem Fenster hängen hat oder gar ein Zeichen von Batasuna, macht sich eines Vergehens schuldig. 15jährige werden bei Demonstrationen verhaftet und angeklagt, weil sie ein Transparent tragen oder ein Flugblatt verteilen. Auch mein 16jähriger Sohn hat eine Anklage erhalten. Es kommt vor, dass Angehörige der Guardia Civil wie hier nach Zaldibia in die Dörfer kommen, die Leute zusammen treiben und sie zwingen, sich mit erhobenen Händen und dem Gesicht zur Wand aufzustellen. Man hält ihnen einen Gewehrlauf in den Rücken und zwingt sie, faschistische Lieder zu singen. Hier im Dorf wurde kürzlich ein Mann von der Guardia Civil aus seinem Haus geschleift. Sie zogen ihm eine schwarze Kapuze über den Kopf, fesselten seine Hände mit Kabeln und nahmen ihn mit. Später stellte sich heraus, dass sie seinen Bruder gesucht hatten.
Die aktuelle Situation betrifft mich in vielerlei Hinsicht: als ehemaliges Mitglied einer nicht mehr existierenden Partei, als Baskin, als Mutter. Ich habe große Angst. Ich fühle mich ohnmächtig, weil mir auf umfassende Weise die Freiheit genommen wurde. Man muss aufpassen, was man überhaupt noch sagt, denn man kann ohne Begründung verhaftet und ohne Anklage festgehalten werden - für Tage, Wochen oder Monate. Wir müssen hier erst wieder lernen, damit umzugehen und neue Wege finden, uns zu äußern und zu bewegen. Wie damals unter der Franco-Diktatur. Nach Franco haben wir ein Stück bürgerlicher Demokratie erlebt. Auch wenn sich personell, in den Apparaten der Polizei und Justiz z.B., nicht viel verändert hatte. Dass wir dieses Stück Demokratie nun wieder verloren haben, können wir noch gar nicht fassen. Es ist, als müssten wir den "Chip" in unserem Kopf auswechseln, einen Schalter umlegen.
Die Angst aus den Zeiten Francos ist wieder da. Ich kann nicht mehr gut schlafen und schrecke auf, wenn nachts um drei ein Auto vorbeifährt. Oder wenn ich auf dem Weg zur Arbeit an einem Wagen der Guardia Civil vorbeifahren muss. Ich habe meinen Urlaub abgesagt, weil Freunde mir dazu geraten haben. Ich wäre im Flughafen für einen kurzen Moment mit der Guardia Civil allein gewesen. Das kann schon zu viel sein.
Madrid hat die baskische Bevölkerung zu Terroristen erklärt. Wir kennen dieses Muster aus vielen Kriegen. Erst wird jemand zum alleinigen Schuldigen am Konflikt erklärt, immer wieder, in endloser Wiederholung. Zugleich wird den Angeklagten die Stimme genommen. Sie finden in der Weltöffentlichkeit kein Gehör, die Medien berichten einseitig. In unserem Fall heißt das: im Interesse von Madrid. Was ist über unsere Situation bekannt, außer, dass wir kein Spanisch sprechen und keine Spanier sein wollen? So werden Kriege vorbereitet. Das haben wir im Krieg gegen Afghanistan gesehen und erleben es heute in der Vorbereitung des Krieges gegen den Irak.

WF: Könntest du am Beispiel von Zaldibia verdeutlichen, für welche Politik ihr steht?

Maria: Die Möglichkeiten einer kleinen Gemeinde wie Zaldibia (1.700 EinwohnerInnen) sind begrenzt. Aber wir nutzen unseren Spielraum bei der Verteilung unseres Haushalts. Wir orientieren uns stark an sozialen Kriterien und engagieren uns für den Schutz der Umwelt (Anmerkung: die Anti-Atomkraftbewegung z.B. ist im Baskenland sehr stark).
Wir haben zwei Arbeitsplätze in unserer Gemeindeküche geschaffen. Gegen einen jährlichen, kleinen Beitrag kann jeder die Küche nutzen, um hier mit seiner Familie, seinen Freunden zu kochen und zu feiern. Die beiden Frauen, die hier angestellt sind, kochen mittags für die Schulkinder. Damit werden die Familien entlastet. Auch die große Sportanlage ist eine Gemeinschaftseinrichtung, die von allen jederzeit genutzt werden kann.
Der Erhalt der baskischen Kultur und Sprache ist ein ganz wichtiger Aspekt für uns. In diesem Sinne investieren wir in die Schul- und Erwachsenenbildung (Anmerkung: Die baskische Sprache gilt als die älteste Sprache Europas).
Und noch etwas liegt uns am Herzen: die Integration der ImmigrantInnen hier in Zaldibia. Die Integration derjenigen, die aus dem spanischen Staat hierher kommen, verläuft absolut unproblematisch. Vielleicht aufgrund unserer Erfahrungen haben wir großen Respekt vor anderen Nationen, ihren Lebensweisen und Symbolen. Ich kenne niemanden mit Ressentiments gegen SpanierInnen und auch nicht gegen ihre Fahne. Wir wehren uns dagegen, gegen unseren Willen zu Spaniern gemacht zu werden, gegen das Verbot unserer Fahne und den Zwang, die Symbole des Spanischen Staates zu übernehmen. Das ist ein großer Unterschied.
Schwieriger ist die Situation einer Gruppe von Immigranten aus Marokko, die hier in Zaldibia leben. Sie sind zu einem festen und einflussreichen Bestandteil unserer Gemeinde geworden, haben von der Zentralregierung in Madrid aber teilweise noch keine Aufenthaltsgenehmigung erhalten. Wir unterstützen sie dabei, ihren Status zu legalisieren, indem wir die Möglichkeiten unserer Gemeinde ausschöpfen. Das heißt, wir stellen ihnen Dokumente aus, die einer Aufenthaltsgenehmigung in Zaldibia gleichkommen und ihnen ermöglichen, unsere kostenlose Gesundheitsversorgung zu nutzen, die Schule zu besuchen etc.. Darüber hinaus unterstützen wir die Gruppe finanziell. Das ist eine unserer Formen, internationale Solidarität zu praktizieren.
Seit 6 oder 7 Jahren gehen 1,2% des baskischen Haushaltes an Projekte in Nicaragua, El Salvador, Guatemala, Chiapas... Wir arbeiten jedoch nicht mit NGO´s zusammen, sondern fragen die Betroffenen vor Ort, wofür sie das Geld verwenden wollen. In Nicaragua z.B. unterstützen wir ein Untersuchungsgefängnis, in dem es an sanitären Einrichtungen fehlt. Das ist natürlich nicht gerade ein Prestige-Projekt. Wer die Zustände dort gesehen hat, weiß aber, wie wichtig das ist. Nicaragua ist ja auch so ein Land, das in den Medien nicht mehr existiert.
Die Organisation, die diese Haushaltsgelder verteilt, ist bemerkenswert: In ihr arbeiten alle Parteien des Baskenlandes zusammen, konservative wie linke, unabhängig von ihren mitunter großen Differenzen untereinander. Allen Parteien ist klar, dass die internationale Solidarität darunter nicht leiden darf.
Auch diese Arbeit wird nun schwieriger. Ich zeichne für diesen Fond, meine Unterschrift taucht also dabei auf. In den letzten Wochen wurde ich deshalb in der spanischen Presse immer wieder namentlich bezichtigt, den "bewaffneten Kampf der ETA im Ausland" zu unterstützen. Das ist vollkommen absurd. Ich habe mich immer wieder und in aller Deutlichkeit gegen den bewaffneten Kampf ausgesprochen. Ich glaube nicht an ihn und sehe in ihm keine Perspektive. Zugleich habe ich keine Möglichkeit, mich gegen diesen Rufmord zu wehren. Eine Gegendarstellung in der baskischen Presse? Ich fürchte, dass würde alles noch schlimmer machen.

WF: Wie erklärst du dir das Ausmaß der Repression durch den Spanischen Staat?

Maria: Weißt du, warum Frauen unter Franco verboten war, sich scheiden zu lassen? Franco argumentierte: Wenn Frauen dazu das Recht hätten, dann würden sich ja alle Frauen scheiden lassen. Es sind vermutlich die gleiche Angst und Geisteshaltung, die den Spanischen Staat motivieren, eine Art von politischem Machismo und Überlegenheitsdünkel. Die Argumente ähneln sich: Du bist mein Eigentum, ich erlaube dir nicht, unabhängig zu werden. Hinzu kommen die Drohungen: Du wirst dich nicht allein versorgen können, deine wirtschaftliche Kraft reicht nicht aus, du wirst vollkommen schutzlos sein. Und wenn all das nichts nutzt, dann bleibt noch der Mord. Es ist ein großes Problem im Spanischen Staat, dass immer wieder Frauen von ihren Expartnern verfolgt und ermordet werden. Das erleben wir nun hier auch auf politischer Ebene.
Als Baskin will ich nicht mehr und nicht weniger als das Recht, mich zu entscheiden, in welcher Beziehung ich zum Spanischen Staat leben möchte. Es gibt viele Modelle: Unabhängigkeit, Föderation, ein Teil des Spanischen Staates bleiben… Hierin ist sich die baskische Bevölkerung nicht einig Wir wollen nicht mehr als die freie Wahl, ein Referendum. Damit wir frei atmen können. Aber das sieht die Spanische Verfassung nicht vor.
Als es um die Unabhängigkeit von Estland, Lettland und Litauen ging, gab es keine solchen Diskussionen in der westlichen Welt. Der Zusammenbruch der Sowjetunion wurde begrüßt, er ermöglichte den kapitalistischen Nationen, ihre Einflusspähre auszudehnen. Aber eine Unabhängigkeitsbewegung mitten in Europa, die stellt das Selbstbild in Frage.

WF: Nationale Befreiungsbewegungen werden in Teilen der deutschen Linken mit Skepsis beäugt. Was würdest Du darauf antworten?

Maria: Das ist nachvollziehbar im Hinblick auf die deutsche Geschichte und den Nationalsozialismus, der sich aus einem ungeheuerlichen Überlegenheitsdünkel speiste.
Die Baskische Befreiungsbewegung ist dagegen mit den Befreiungsbewegungen in Lateinamerika und Afrika verwandt, mit den Kämpfen gegen die Kolonialmächte. Die an solchen Kämpfen beteiligten Kräfte bündeln natürlich eine Vielzahl unterschiedlicher Interessen, auch weniger fortschrittliche, bürgerlich-nationale. Dennoch kann man meines Erachtens grundsätzlich zwischen defensiven und offensiven Nationalismen unterscheiden. Die baskische Bevölkerung hatte zu keinem Zeitpunkt irgendwelche Großmachts- oder Kolonialinteressen.
1986 gab es im Spanischen Staat ein Referendum zum Verbleib in der NATO. Nur im Baskenland stimmte die Bevölkerung mit einer großen Mehrheit gegen die NATO-Mitgliedschaft. Ein hoher Anteil der baskischen Jugendlichen verweigert sich dem Militärdienst und geht dafür ins Gefängnis. Ein kleines Volk von 2,6 Mio. Menschen, mit ausgeprägt antimilitaristischer Gesinnung - solche Querdenker kann der Spanische Staat nicht dulden.
Deshalb werden wir zu Terroristen erklärt.

WF: Wie würdest du die Situation insbesondere der Frauen im Baskenland beschreiben?

Maria: Wie in allen kriegerischen Situationen sind Frauen besonders hart betroffen, gerade weil sie Frauen sind, und mitunter auch als Mütter. Es sind vor allem die Mütter, welche die baskische Sprache an ihre Kinder weitergeben.
Die Menschen in Europa sehen meist in die Ferne, in die islamischen Länder und kritisieren dort die Unterdrückung der Frauen. Gerade in Konfliktsituationen wie hier im Baskenland zeigt sich jedoch, wie weit wir in Europa tatsächlich sind. Den Baskinnen und Basken, die verhaftet werden, drohen Isolationshaft und schwere Folter. (Anmerkung: Zudem werden die politischen Gefangenen in der Regel und wider dem Strafvollzugsgesetz in Gefängnisse weit außerhalb des Baskenlandes gebracht. Besuche werden dadurch erheblich erschwert. Oft erfahren die Angehörigen erst bei ihrem Besuch, dass der/die Gefangene verlegt wurde. Daher lautet eine Forderung, die auf vielen Plakaten im Baskenland zu lesen ist, die politischen Gefangenen ins Baskenland zu verlegen). Zur "obligatorischen" Folter kommt für Frauen noch die sexuelle hinzu. Als politisch denkende und handelnde Frau bin ich also auch in Gefahr, vergewaltigt zu werden.
Hinzu kommt meine Angst als Mutter. Auch den Jugendlichen hat man durch das Verbot der Jugendorganisation ihre Stimme genommen. Sie werden besonders hart verfolgt. Das Strafrecht für Jugendliche wurde verschärft und viele Fälle von Vandalismus werden nun als "terroristische Akte" behandelt. Einem Jugendlichen, der ein Mädchen vergewaltigt, drohen 4 Jahre Haft. Zündet er einen Papierkorb an, erhält er 12 Jahre. Ich weiß, dass es Jugendlichen schwer fällt, ihre Impulse zu kontrollieren - welche Alternativen kann ich ihnen aufzeigen?
WF: Was wünschst du dir für die Zukunft?
Maria: Ich hoffe, dass die Menschen außerhalb des Baskenlandes nicht vergessen, dass Lügen nicht wahrer werden, wenn man sie ständig wiederholt. Dass sie die Informationen, die sie über die Medien erhalten hinterfragen, im Bewusstsein, dass ihre Meinungen manipuliert werden, um Kriege und Repressionen zu rechtfertigen und dass wir nun keine Stimme mehr haben, um selbst zu sprechen. Ich hoffe, dass sie aufmerksam verfolgen was hier im Baskenland, in Gefängnissen und auf Polizeistationen geschieht. Das Baskenland ist nah, es liegt mitten in Europa - sie sollten herkommen und selbst sehen.

Das Interview führte Melanie Stitz

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Zum Weiterlesen:
- Gerd Schumann, Florence Hervé: Baskenland. Frauengeschichten - Frauengesichter. Berlin 2000. Porträts in Wort und Foto durch die Geschichte und von heute und - nicht nur - literarische Spezialitäten aus dem Baskenland.
- Unter info@antifakomitee.de kann beim Antifaschistischen Komitee Duisburg ein Infopaket bestellt werden.
- Josef Lang: Das baskische Labyrinth - Widerstand und Unterdrückung in Euskadi. Frankfurt am Main 1983.

Vielen Dank an "Wir Frauen" für die Überlassung des Artikels

 

 

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