Baskenland
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»Ein robustes Mandat«

Vor 65 Jahren: »Bombenwetter« über Gernika. Am 26. April 1937 zerstörte die deutsche Luftwaffe die baskische Stadt

Auch am gestrigen späten Nachmittag trug die Glocke vor dem Mausoleum auf dem Friedhof über der Stadt ihren Klang weit hinaus über das Tal. So, wie im Verlaufe der Jahrhunderte der Klang der Trompete weitergetragen wurde, der die freien Basken zum großen Ratschlag nach Gernika (baskische Schreibweise für Guernica) unter der Eiche zusammenrief. Die Stadt gedenkt so des 26. April 1937. An diesem Tag, Markttag in Gernika, waren wieder Tausende Basken in ihre »heilige Stadt« geströmt. Die Menschen gingen ihren Tagesgeschäften nach. Nicht ahnend, daß zu dieser Zeit für viele von ihnen das Todesurteil schon verkündet war.

Gegen 16.30 Uhr näherten sich erste Flugzeuge der Stadt. Deutsche Flugzeuge der »Legion Condor«, die von den Machthabern des faschistischen Deutschland zur Unterstützung des gegen die Spanische Republik putschenden Generalissimus Franco entsandt worden waren. Deutsche Flugzeuge, mit deutscher Besatzung; der deutsche Fliegeroffizier Wolfram von Richthofen hatte für diesen 26. April »Bombenwetter« über Gernika ausgemacht. Das sollte genutzt werden, um den ins Stocken geratenen Vormarsch des Generals Franco voranzutreiben, der am 17. Juli 1936 von Spanisch-Marokko aus seinen Militärputsch gegen die legale Regierung der Spanischen Republik begonnen hatte.

Das Baskenland, reich an Kupfererzen, stand mit seinen Kernprovinzen Vizcaya und Guipùzcoa auf seiten der Republik. Der Widerstand sollte gebrochen, die Kupfervorkommen gesichert werden. Auch für den Verbündeten in Berlin, der das spanische Kupfer für seine Hochrüstung dringend brauchte und auch dafür die »Legion Condor« bereitstellte. Allerdings auch, um die neuentwickelten Waffen für den, zu dieser Zeit schon fest im Machtkalkül geplanten großen Krieg zur Neuordnung der europäischen Landkarte zu testen. So, wie Hitler am 27. Juni 1937 in Würzburg das deutsche Engagement in Spanien begründete, erläuterte Reichsmarschall Hermann Göring später die Hintergründe des, wie das heute heißt, »robusten Mandats« der Deutschen in Spanien. Hitler in Würzburg: »Wir brauchen eine nationale Regierung in Spanien, um uns das spanische Erz zu sichern.« Göring vor dem Internationalen Gerichtshof in Nürnberg: »Ich sandte mit Genehmigung des Führers einen großen Teil meiner Transportflotte und eine Reihe von Erprobungskommandos meiner Jäger, Bomber und Flakgeschütze hinunter und hatte auf diese Weise Gelegenheit, im scharfen Schuß zu erproben, ob das Material zweckentsprechend entwickelt wurde.«

Am 26. April starteten von den Flugplätzen Burgos und Vitoria 43 Flugzeuge der Legion mit einer Bombenladung von 50 Tonnen zum »scharfen Schuß« in Richtung Gernika. Sie hatten den Befehl des Stabschefs der »Legion Condor« von Richthofen »... ohne Rücksicht auf die Zivilbevölkerung zu bombardieren«. Aus den Maschinen vom Typ Ju 52 und He 111 regnete eine Mischung von Spreng-, Splitter- und mehr als 2500 Brandbomben. Das strategische Ziel sei die Zerstörung der Renteria-Brücke gewesen, hieß es offiziell. Gegen 19.45 Uhr beendeten die Mordbrenner ihren Einsatz. Die Brücke blieb unversehrt. In den Trümmern der zu 70 Prozent zerstörten Stadt lagen - die exakte Zahl wurde nie bekannt - zwischen 600 und 1600 Tote. Sie waren nicht nur Opfer der ziellos abgeworfenen Bomben. Nach den Bombern kamen die Jagdmaschinen und eröffneten mit ihren Bordgeschützen die Jagd auf die Schutzsuchenden. Zerstört wurde auch die Kirche San Juan, deren erhalten gebliebene Glocke vor dem Mausoleum auf dem Friedhof steht und nun alljährlich das Gedenken zum ruchlosen Massaker einläutet.

Hitleroberst Jaenicke meldete dem »Sonderstab W«: »An und für sich war Guernica ein voller Erfolg der Luftwaffe.« Von Richthofen besichtigte am 30. April den Tatort und notierte. »Guernica, Stadt mit 5000 Einwohnern, buchstäblich dem Erdboden gleichgemacht... Die Bauart der Häuser: Ziegeldächer, Holzgalerie und Holzfachwerkhäuser, führten zur völligen Vernichtung... Bombenlöcher auf Straßen noch zu sehen, einfach toll ...«

»Einfach toll« hatte auch der Freiwillige Oberleutnant der Legion Johannes Trautloft seinen Spanien-Einsatz gefunden. In seinem 1940 veröffentlichten Kriegstagebuch »Als Jagdflieger in Spanien« ließ er dem faschistischen Herrenmenschen freien Lauf: »Wir dürfen kämpfen, und das genügt, das befriedigt uns vollauf. Hier, scheint’s, sind uralte Instinkte, die lange verschüttet gewesen, die Instinkte des Jägers wieder durchgebrochen. Wir haben zurückgefunden zu den Anfängen der Menschlichkeit, eine Verheißung, daß die Zeit unserer weißen Rasse noch lange nicht um ist. Wie spießig ist das Gezeter, wir seien in die Barbarei zurückgefallen.«

Trautloft hatte sich schon bei den Luftangriffen auf Madrid im August und November 1936 als Jagdflieger »bewährt«. Hitler dekorierte ihn mit dem »Spanienkreuz in Gold« - und als die BRD-Regierung in Bonn an den Aufbau der Bundeswehr ging, konnte sie an Jägern vom Schlage Trautloft nicht vorbeigehen. Er brachte es zum Generalleutnant und Kommandierenden General der Luftwaffengruppe Süd. Noch steiler war die Nachkriegskarriere des Heinz Trettner, auch Freiwilliger der Legion, Staffelkapitän in der Kampfgruppe 88 und Teilnehmer an der Zerstörung Gernikas und der Bombardierung des baskischen Städtchens Durango. Er konnte gar der dritte Generalinspekteur der Bundeswehr werden.

Ein Wort der Entschuldigung ist von den Nachkriegsregierungen der Bundesrepublik nie ausgesprochen worden. 1997, zum 60. Jahrestag der Zerstörung Gernikas, raffte sich nach heftigem Druck u. a. durch die Berliner Initiative »60 Jahre Gernika - Gegen das Vergessen« der damalige Bundespräsident Roman Herzog zu einer »Botschaft des Gedenkens, des Mitgefühls und der Trauer« an die Überlebenden als »Zeugen des erlittenen Grauens« auf. Herzog strapazierte die seichte Formel von der »schuldhaften Verstrickung deutscher Flieger«. Trautloft, einer der »verstrickten«, hatte auf dem ersten Nachkriegstreffen der Legion am Muttertag 1956 auf der Burg Klopp verkündet: »Das Wirken der "Legion Condor" muß der deutschen Jugend als Vorbild dienen.« Diese Töne und nicht die zahme Verlautbarung Herzogs bestimmen die immer noch vorherrschende Lehrmeinung der Bundeswehr. Ausdruck dafür ist neben anderem die nachhaltige Weigerung, trotz eines eindeutigen Bundestagsbeschlusses, das nach dem hochdekorierten Flieger der »Legion Condor« und Hitlerobristen Werner Mölders benannte Jagdgeschwader in Neuburg an der Donau und die beiden gleichnamigen Bundeswehrkasernen umzubenennen. Eine Begründung dafür dürfte in der Studie des Bundeswehrführungsstabes aus dem Jahre 1964 »Die Bewährung deutscher Soldaten in der Gegenwart« zu finden sein: »Mit der Teilnahme am spanischen Bürgerkrieg konnte die Wehrmacht Ruhm an ihre Fahnen heften, sich mit Siegeslorbeer schmücken und die Überlegenheit deutscher Waffen und Kriegsmaterials beweisen.«

Jetzt ist die Bundeswehr dabei, ähnlichen Ruhm an ihre Fahnen zu heften ...

Hans Daniel
jungeWelt, 27.04.2002

 

 

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