Baskenland - Beilage der Zeitung »Analyse und Kritik« zum Prozess gegen Benjamin Ramos Vega am 3. und 4. September 1997 in Madrid
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Interview mit Gloria Rekarte,
einer Sprecherin des baskischen Gefangenenkollektivs

Auszüge aus einem Interview mit der baskischen Tageszeitung "Egin" vom 14. Juli 1997

"Das Kollektiv ist der lebendige Ausdruck des baskischen Aufstands"

Gloria Rekarte wurde von der Guardia Civil am 20. Oktober 1981 festgenommen. Seitdem durchlief sie die Knäste Yeserias, Carabanchel, Avila, Teneriffe-II und Puerto, hatte monatelange Isolationshaft zu erleiden und nahm an Hungerstreiks teil. Sie ist eine der sieben SprecherInnen, die das Kollektiv gewählt hat, um die angestrebten Verhandlungen mit dem spanischen Staat zu führen.

Was ist, in wenigen Worten, das Kollektiv der baskischen politischen Gefangenen?

Das ist eine sehr komplexe Frage, um sie in wenigen Worten zu beantworten. Wir sind ein Teil derer, die Repressalien ausgesetzt sind und Produkt der Unterdrückung des baskischen Volkes, das um seine Souveranität kämpft. Wir sind der lebendige Ausdruck des baskischen Aufstandes gegen die Dominierung durch den spanischen und französischen Staat. Das Kollektiv ist die Form, wie wir Gefangenen uns organisieren, und in der wir weiterhin an seinem Kampf teilnehmen, verbunden mit dem Projekt der Befreiung von Euskal Herria.

Stimmt die Definition "Gefangene aus der ETA"?

Es ist völlig falsch, das Kollektiv so zu bezeichnen.Vor Jahren waren die meisten im Kollektiv Mitglieder des bewaffneten Widerstandes; heute jedoch hat die Repression andere Sektoren erreicht wie die Totalverweigerer und die Mitglieder des Straßenkampfes, die das Kollektiv vergrößert und mit ihren Beiträgen um Natürlichkeit und Persönlichkeit bereichert haben. Auf jeden Fall benutzt der spanische Staat immer mehr das Stigma "Unterstützung einer bewaffneten Bande", um jegliche politische Dissidenz zu kriminalisieren. Was deutlich den Prozeß der Totalitarisierung des Staates vor Augen führt, der rein auf Kontrolle und Repression gegenüber der Zivilgesellschaft setzt.

In der Knastpolitik wurden immer Pläne entworfen, den/die einzelne/n Gefangene/n zu brechen, um so das Kollektiv zu brechen. Was macht ihr, wenn ein/e Genosse/in anfängt zu schwanken?

Es gibt zahlreiche Möglichkeiten. Du darfst nicht vergessen, daß es ein Zweck der Verstreuung ist, auch die Persönlichkeit der Gefangenen studieren zu können. Es gibt immer einen Grund für die Schwäche eines Gefangenen und es gibt verständliche Gründe: der Tod oder Krankheit von Familienangehörigen, die Kommunikation mit deinem Partner...Sie kontrollieren unsere Kommunikation, die Gefühle und die Bedrängnis, die den Knast ausmacht. Sie haben eine Truppe von PsychologInnen, ErzieherInnen, SozialarbeiterInnen... die sie benutzen, um dich unter Druck zu setzen und dann Erleichterungen anzubieten, die deine Situation verbessern, wenn du bereit bist, sie mit der Loslösung vom Kollektiv zu bezahlen.

In anderen Fällen verschaffen sie dir von Anfang an, und ganz offensichtlich, ohne speziellen Grund, leichtere Bedingungen, damit du dann, wenn sie sie plötzlich verschärfen, nicht mehr dagegen ankommst. Man muß im Kopf behalten, daß sie dich mit deiner eigenen Existenz erpressen. Der Preis ist immer der gleiche: abzulehnen, was du warst, was du bist, und auch die, die dich auf dem Weg begleiten.

Hinter jedem Fall steht ein persönlicher Zusammenbruch, den sie später draußen versuchen, ideologisch zu verdecken.

Der Druck, den der Knast gegenüber dem Gefangenen ausübt, ist unvorstellbar und dem kann nur etwas entgegengesetzt werden durch persönliche Stärke, die sich aus der Dynamik zu den GenossInnen, der Solidarität unter uns, und zwischen uns und unserem Volk ableitet. Diese Dynamik zu entwickeln ist essentiell für das Überleben des Kollektivs.

Es wurde oft in den Medien von Rissen und Widersprüchen im Gefangenenkollektiv geredet. Wie ist die tatsächliche Situation?

Wenn nur ein einziges Mal tatsächlich ein Riß dagewesen wäre, würde das Kollektiv schon seit langer Zeit nicht mehr bestehen, denn es würde damit dem Druck, dem wir hier ausgesetzt sind, gar nicht standhalten können.Widersprüche? Klar hatten wir die und werden sie wieder haben. Wir sprechen von einem Kollektiv von 600 Personen, das sich immer wieder erneuert; während der letzten Jahren sind es insgesamt über 2000, die Teil des Kollektivs waren. Menschen in verschiedenem Alter, die aus unterschiedlichen Wohnorten kommen, mit unterschiedlichen Lebenseinstellungen... aber die alle eine Haltung der Hingabe und ein gemeinsames Projekt der Befreiung eint. Wenn daher diese Widersprüche auftauchen, beweist das Kollektiv durch sein tägliche Arbeit seine Fähigkeit, sie zu überwinden.

Das Kollektiv ist eine Organisation, die orientiert ist an der Debatte, an der Auseinandersetzung der Ideen und mit einer beeindruckenden Erfahrung in Versammlungen. In ihnen wurden Entscheidungen getroffen und Positionen zum Ausdruck gebracht, die nicht nur die Welt des Knastes betreffen, sondern auch die der Politik. Den Gefangenen ist sehr klar, daß sie eine politische Rolle erfüllen müssen, nicht nur in den Organisationen der baskischen Linken, sondern auch in unseren Stadtteilen und Dörfern. Dies zu behindern und uns unserem familiären, kulturellen und politischen Umfeld zu entreißen, ist eines der wichtigsten Ziele der "Verstreuung". Dies wurde aber durch den Mut und die Arbeit, die von Senideak1 und Gestoras proAmnistia2 geleistet wird, untergraben.

Die reale Situation ist die eines zusammenhängenden und koordinierten Kollektivs, das dazu in der Lage ist, seit Januar letzten Jahres einen unbefristeten Kampf für die Zusammenlegung zu führen und mit der nötigen Organisation, um dessen eigene Linie nach außen zu tragen.

Ihr weist Strafvollzugserleichterungen zurück. Die Annahme solcher Erleichterungen hat auch dazu geführt, daß GenossInnen das Kollektiv verlassen haben oder ausgeschlossen wurden. Wie ist eure Haltung dem Knastregime gegenüber?

Das ist ein Thema, über das es draußen große Unklarheit gibt, was -wieder einmal- der von den Massenmedien bereitwillig aufgenommenen und verarbeiteten Propaganda zu verdanken ist. Hier drinnen ist all das mit den Vergünstigungen und den Erleichterungen viel offensichtlicher, und in der Konsequenz auch deren politischer Hintergrund.

Ein differenziertes Strafsystem auf uns anzuwenden auf der Basis von Kampagnen über die "Harten" und die "Weichen" löst gar nichts, im Gegenteil. Es ist zehn Jahre her, daß die "Verstreuung" begann: wo sind die harten und die weichen Gefangenen, über die soviel von den Politikern und den Medien herumposaunt wurde?

Wir baskischen politischen Gefangenen haben zehn Jahre unsere Tage und Nächte verbracht, weit voneinander entfernt, isoliert, oft geprügelt und jede Sekunde mit dem Druck der Schließer im Nacken. Wir lassen uns nicht betrügen, es gibt hier drinnen keine Vergünstigungen und Belohnungen. Die vom Knast gewährte Erleichterung für einen politischen Gefangenen hat einen Preis: eine Dynamik des Abschwörens, der politischen und persönlichen Zerstörung. Und noch mehr, wenn das nicht passiert, versuchen sie es künstlich herzustellen. Warum wendet man auf uns eine Politik der verschiedenen Grade an? Worauf basiert sie?

Diese Frage hat sich das das Kollektiv schon vor langer Zeit beantwortet: Die Politik der Grade und in ihrer Konsequenz, der Hafterleichterungen und Belohnungen sind eine weitere Waffe des Staates, um das Kollektiv zu spalten. Verbesserungen der Lebensbedingungen anzubieten, bei dem Druck, dem wir ausgesetzt sind, ist nichts weiter als eine andere Form von Erpressung. "Lebe mehr oder weniger akzeptabel und vergiß deine GenossInnen", ist die Philosophie, die sich hinter der Politik der Grade verbirgt. Es ist eine willkürliche und einseitige Waffe, es ist die Strafvollzugsinstitution, die sie verwaltet und die entscheidet, bei wem welcher Strafvollzugsgrad angewandt wird.

Deshalb hat das Kollektiv die Einführung des Status von politischen Gefangenen, in dem klar aufgezeigt wird, daß die Behandlung, die wir im Knast erhalten, für alle gleich sein wird, als Notwendigkeit präsentiert. Ein Status, in dem man eindeutig unsere Rechte als militante UnabhängigkeitskämpferInnen einhält und die Menschenrechte der Genfer Konvention für Kriegsgefangene respektiert werden.

Eine Frage zum Schluß: Was ist das erste, was du tun wirst, wenn du raus kommst?

Alle Umarmungen, die man mir verboten hat, abholen. Und da man mir viele verboten hat, werde ich eine gute Weile beschäftigt sein.

Anmerkungen:
1 Organisation der Angehörigen
2 abertzale Gefangenenhilfsorganisation

Quelle: http://www.nadir.org/nadir/initiativ/rote-hilfe/berlin/action/b_r_vega/gefang.htm

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